Achtsamkeit: Eine vernachlässigte Kompetenz des Managements?

Der Begriff „Achtsamkeit“ erobert aktuell die Managementebenen von Unternehmen und Non-Profit-Organisationen. Zu den 44. Benediktbeurer Management-Gesprächen trafen sich am 15. Oktober Vertreterinnen und Vertreter aus Wirtschaft und Wohlfahrt im Barocksaal des Klosters Benediktbeuern, um sich dialogisch und konstruktiv zu dem Prinzip „Achtsamkeit“ und dessen Wirkung auszutauschen. Impulsvorträge hielten Pater Reinhard Ge-sing SDB, Provinzial der Deutschen Provinz der Salesianer Don Boscos, und Sigrid König, Vorständin BKK (Betriebskrankenkassen) Landesverband Bayern. Für die Dinner Speech konnte Prof. Dr. Michael Meyer, Wirtschaftsuniversität Wien, Department of Management/ Institute for Nonprofit-Management gewonnen werden.


Benediktbeuern, 18.10.2021 – Innere Stabilität statt Krisenmodus: Aus der Neurowissenschaft wissen wir, dass sich innere Ruhe, Gelassenheit und der gesunde Umgang mit Stress durch Achtsamkeit trainieren lassen. Als eine besondere Form der Aufmerksamkeit gilt die „Achtsamkeit“ heu-te als eine Schlüsselkompetenz, um das eigene Gedankenkarussell anzuhalten, sich aus einer Stresssituation hinauszubewegen – und sich gedanklich auf den gegenwärtigen Augenblick, auf das „Jetzt“ zu fokussieren, verbunden mit einer nicht wertenden Grundhaltung. Dadurch entsteht eine innere Klarheit, die dazu beiträgt, Entscheidungen bewusst zu treffen und nicht sofort oder automatisch auf Reize oder Anforderungen von außen zu reagieren. Wurde das Prinzip der Achtsamkeit (engl. mindfulness) lange Zeit mit esoterischen Strömungen aus Fernost verbunden, findet seit einigen Jahren ein Umdenken statt: Der bewusste Fokus auf das „Jetzt und Hier“ hält heute Einzug bis in die Managementetagen großer Unternehmen in Wirtschaft und Non-Profit. Denn: „Wirksame Führung setzt voraus, sich selbst wahrnehmen und reflektieren zu können – und damit auch zu einem achtsamen Umgang mit sich und der eigenen Umwelt in der Lage zu sein“, sagt Egon Endres, Professor an der Katholischen Stiftungshochschule München und – gemeinsam mit Michael Thiess, Inhaber von MICHAEL THIESS Management Consultants in München – Begrün-der und Initiator der Dialogveranstaltung. Doch inwiefern lässt es der berufliche Alltag einer Managerin, eines Managers überhaupt zu, innezuhalten und welche positiven Effekte ergeben sich für die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter? Diesen Fragestellungen gingen die 44. Benediktbeurer Managementgespräche am 15. Oktober nach – durch wichtige Impulsbeiträge und Diskussionen im Podium und in Kleingruppen. „Achtsamkeit“, so bilanzierte Michael Thiess im Anschluss an den lebhaften Austausch, „könnte als Leitgedanke für unsere Benediktbeurer Management-Gespräche dienen. Im Dialog mit Führungskräften aus verschiedenen Wirtschafts- und Non-Profit-Welten tragen wir dazu bei, das Verständnis füreinander stärken.“
Pater Reinhard Gesing, Provinzial der Deutschen Provinz der Salesianer Don Boscos, sprach in seinem Impuls von den letzten eineinhalb Jahren der Corona-Pandemie, die „ganz neue Herausforderungen in der Pädagogik und in der Personalführung, aber auch unerwartete wirtschaftliche Schäden mit sich brachte“. Eine Folge der „verschiedenen Krisenphänomen“, die er im Laufe seines Impulses aufführte, ist die Mehrbelastung einzelner Personen: „In vielen Bereichen, auch bei uns, ist es ja so, dass immer mehr Arbeit auf immer weniger Schultern verteilt wird und die Erwartungen und Anforderungen immer größer werden.“ Dabei ging er zunächst auf seinen Anspruch an das eigene Gleichgewicht ein: „So ist für mich als Ordensmann besonders wichtig, darauf zu achten, dass mir immer wieder die Balance zwischen Aktion und Kontemplation, zwischen ‚Ora et labora‘ gelingt. Denn nur dann kann ich ja auch achtsam sein für die Bedarfe der jungen Menschen heute, für meine engsten Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, für die mir anvertrauten Mitbrüder und für die verschiedenen Aufgaben und Problemen, die sich mir stellen.“ Sigrid König, Vorständin BKK Landesverband Bayern, ebenfalls Impulsgeberin, betonte, wie wichtig es dabei ist, sich seiner „neutralen und wohlwollenden Einstellung“ stets bewusst zu sein: „Das heißt auch: tägliches Arbeiten an mir selbst und an meinen Mustern und Glaubenssätzen. Ein inneres Gleichgewicht führt zu Ruhe, Besonnenheit und physischer Gesundheit und hat eine unmittelbar positive Auswirkung auf die Beziehung zu anderen Menschen. Das ist durch die Wissenschaft der Psychoneuroimmunlogie längst bewiesen, kommt aber in der Kultur von Unternehmen leider noch immer viel zu wenig an.“ Noch müsse Überzeugungsarbeit geleistet und aufgezeigt werden, wie wichtig das Prinzip der Aufmerksamkeit für Motivation und psychische Stabilität sein kann – und wie positiv sich dessen Effekte auf das Gesamtsystem „Unternehmen“ auswirken.
Auf die Frage, in welchen Bereichen „Achtsamkeit“ bei den Salesianern Don Boscos eine besondere Rolle spielt, rückt Pater Reinhard Gesing Kinder und Jugendliche in den Vordergrund: „Für mich steht in unseren pädagogischen Einrichtungen an erster Stelle die Achtsamkeit für die uns anvertrauten Kinder und Jugendlichen. Sie müssen im Fokus der Aufmerksamkeit stehen. Das heißt, alle Angebote, alle Strukturen, das Raum- und das pädagogisch-pastorale Konzept, alles Denken und Handeln müssen darauf ausgerichtet sein, dass sie sich ganzheitlich entfalten können und dass ihnen die Begleitung gegeben wird, die sie brauchen“, sagt er und ergänzt mit Nach-druck: „Nicht minder wichtige Felder, auf die die Wachsamkeit der Verantwortlichen gerichtet sein muss, sind Mitarbeiterzufriedenheit und das Arbeitsklima.“ Vorständin Sigrid König sieht im Um-gang mit den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern ebenfalls einen der zentralen Bereiche, in denen
das Achtsamkeits-Prinzip seinen Niederschlag finden sollte: „Um am Arbeitsplatz zufrieden zu sein, ist es wichtig, das tägliche Miteinander zu reflektieren und das Verständnis füreinander zu stärken. Hier spielt die Teamorientierung eine ganz zentrale Rolle: Führungskraft und Mitarbeitende besprechen regelmäßig miteinander, wie die Mitarbeitenden gut und sicher die erforderliche Leistung erbringen können, wo Hilfe oder andere Maßnahmen erforderlich sind – und einigen sich gemeinsam auf eine Vorgehensweise.“
Die Dinner Speech wurde von Prof. Dr. Michael Meyer, Wirtschaftsuniversität Wien, Department of Management/ Institute for Nonprofit-Management gehalten. Michael Meyer ist einer der renommiertesten Forscher im Bereich der Non-Profit-Organisationen in Europa. Er ging in seiner Rede auf die Pandemie und die Lehren ein, die sich für das Management bereits ergeben haben; so helfen in Krisenzeiten beispielsweise „organisational slacks“ und somit „Überschüsse“, die bei Non-Profit-Organisationen besonders im immateriellen Bereich abbilden. Auch plädierte Prof. Dr. Michael Meyer für das „Zuhören“ und eine Regelkommunikation, um einen Raum für die Sorgen und das Befinden der Mitarbeiter zu schaffen.

Die 44. Benediktbeurer Management-Gespräche wurden freundlicherweise vom Wirtschaftsforum Oberland finanziell unterstützt.

Die 45. BMGs finden am 8. April 2022 zum Thema „Die Führung weitergeben“ statt.

 

Bei Rückfragen können Sie sich gerne an folgenden Pressekontakt wenden: Katholische Stiftungshochschule München, Sibylle Thiede, sibylle.thiede@ksh-m.de, 089 48092-8466. Gerne organisieren wir Interviews oder O-Töne. Bildquelle: © Moritz Ewert Foto Design

 

Über die Benediktbeurer Management-Gespräche

Die Benediktbeurer Management-Gespräche (BMG) werden seit 2000 gemeinsam von Prof. Dr. Egon Endres, Professor für Sozialwissenschaften an der Katholischen Stiftungshochschule München, und Michael Thiess, MICHAELTHIESS Management Consultants, München, veranstaltet. Sie zielen auf den gedanklichen Austausch und das „Networking“ von Entscheidungsträgern aus Wirtschaftsunternehmen und sozialen Organisationen. Existieren traditionell kaum Berührungs-punkte zwischen beiden Welten, so haben sich die Handlungsanforderungen von sozialen Organi-sationen und Wirtschaftsunternehmen in den vergangenen Jahren angeglichen. Dabei haben bei-de Seiten im Umgang mit ihrer jeweiligen Umwelt unterschiedliche Kompetenzen entwickelt, was einen Blick über den Tellerrand lohnenswert erscheinen lässt. In diesem Sinne verstehen sich die Benediktbeurer Management-Gespräche als Forum, durch das neue Impulse für „lernende“ Orga-nisationen und ihre Manager gewonnen werden. Die handverlesene Auswahl der Gäste gewähr-leistet einen anregenden und intensiven Gedanken- und Erfahrungsaustausch.

Katholische Stiftungshochschule München (KSH)

Die Katholische Stiftungshochschule München ist eine national und international hoch angesehene Hochschule für Sozial-, Pflege- und pädagogische Berufe in kirchlicher Trägerschaft. Sie bietet ihren etwa 2500 Studentinnen und Studenten an den beiden Standorten Benediktbeuern und München eine intensive und professionelle Betreuung. Neben den Bachelorstudiengängen Soziale Arbeit, Hebammenkunde, Healthcare-Management, Pflegepädagogik, Pflege primärqualifizierend, Kindheitspädagogik und Religionspädagogik und kirchliche Bildungsarbeit (auch im Doppelstudium mit der Sozialen Arbeit) bietet die Katholische Stiftungshochschule München auch Masterstudien-gänge und vielfältige Fortbildungsveranstaltungen an. Ein wissenschaftliches und zugleich praxis-orientiertes Studium sowie das christliche Menschenbild begründen den besonderen Auftrag der Hochschule.

MICHAEL THIESS Management Consultants
MICHAEL THIESS Management Consultants ist eine leistungsfähige Strategieberatung und unter-stützt international bedeutende Industrie- und Dienstleistungsunternehmen sowie öffentliche Insti-tutionen und Non-Profit Organisationen in allen Fragen der Unternehmensführung. Neben der Strategie-, Prozess- sowie Organisationsberatung weisen MICHAEL THIESS Management Con-sultants ebenfalls in den Bereichen Post Merger Integration, Effizienzsteigerung in Marketing & Vertrieb sowie Innovationsstrategien besondere Leistungen vor. Der Schwerpunkt der Beratungs-tätigkeit liegt auf den Branchen und Geschäftsfeldern Healthcare, Pharmaindustrie, Medizintech-nik-Unternehmen, Non-Profit-Organisationen, High Tech-Branche und Wirtschaftsförderung