IHK - Magazin Wirtschaft, September 2001

 

Blick von außen
von Harriet Austen

Wissenskooperation. Ein Austausch zwischen Führungskräften aus Wirtschaftsunternehmen und sozialen Einrichtungen ermöglicht ungewöhnliche Erfahrungen und innovative Problemlösungen

Ich bin ein konfrontativer Mensch", sagt Horst Girmann. Das neue Umfeld, das er kennen lernen wollte sollte sich deshalb "möglichst extrem" von dem unterscheiden, in das er täglich zur Arbeit geht. Girmann ist Leiter eines Wohnheims für Menschen mit Behinderungen der Lebenshilfe Bad Tölz e.V. Als "extreme" andere Welt, in die er hinein schnuppern wollte, hat er sich die HypoVereinsbank München ausgesucht. Dort verbrachte er zehn Tage in der Personalabteilung von Dr. Robert Holzapfel. Er hat bei einem Assessment-Center zugeschaut, interne Veranstaltungen besucht, den Intranet-Auftritt studiert, die Sozialberatung kennen gelernt und ganz einfach den betrieblichen Alltag beobachtet. Auch Holzapfel will jetzt Girmann bei dessen Tätigkeit in der Lebenshilfe über die Schulter schauen. "Eine spannende Idee" finden beide diese gegenseitigen Hospitationen, "Wissenskooperationen" nennen sie die Initiatoren Professor Egon Endres und Dr. Mira Waibel-Fischer von der Katholischen Stiftungsfachhochschule München, Abteilung Benediktbeuren. So heißt auch ihr vom Bundesministerium für Bildung und Forschung finanziertes Projekt, mit dem sie Führungskräfte von Wirtschaftsunternehmen und sozialen Einrichtungen motivieren, sich auszutauschen und voneinander zu lernen. Dabei wollen sie sich ganz bewusst von Projekten unterscheiden, die zwar 'Mitarbeiter von Firmen in soziale Einrichtungen schicken, Gegenbesuche jedoch nicht vorsehen. "Ein einseitiger Wissenstransfer läuft Gefahr, als organisiertes soziales Abenteuer abgestempelt zu werden", kritisiert Endres diese "Transfer-Einbahnstraßen". Mut, sich in dem Modellprojekt "Wissenskooperationen" auf Fremdes einzulassen, zeigen nicht nur Manager der HypoVereinsbank und der Lebenshilfe, sondern auch der Burgmann Dichtungswerke GmbH, die mit den Oberland Werkstätten GmbH und dem Jugendaktionszentrum Benediktbeuren kooperieren sowie der Siemens AG und der Regens-Wagner-Stiftungen in Dillingen.

Hinter diesen Begegnungen, im Fachjargon Hospitationen genannt, steckt ein überzeugendes Konzept. "Die verschiedenen Organisationen einer Gesellschaft verfügen über unterschiedliche Wissens bestände, die sich teilweise ergänzen", erklärt Waibel-Fischer, "ein Transfer dieses Wissens kann durchaus gewinnbringend sein". Dabei handelt es sich nicht um abstrakte Kenntnisse, sondern um im Alltag erprobtes Know-how, das von den Hospitierenden bedarfs- und lösungsorientiert erschlossen werden kann. Wer sich in fachfremden Einrichtungen informiert, wie dort Abläufe und Prozesse gestaltet werden, erhält wertvolle Anregungen für eigene neue Problemlösungen. Zum Beispiel Friedhelm Jochums, Personalentwickler bei Burgmann in Wolfratshausen: Ihn hat während seines Aufenthalts in der Abteilung Personal- und Organisationsentwicklung bei den Oberland Werkstätten "die sehr gute und konsequente Umsetzung von Gruppenarbeit beeindruckt. Burgmann könnte viel davon lernen!" Das bezieht sich vor allem auf das Instrument der Supervision, auf die ausgeprägte Konsensorientierung bei Personalentscheidungen und auf die konsequente Umsetzung der Idee der Partizipation und Teamarbeit. Anders seine Hospitationspartnerin Martina Kennel, zuständig für Personal- und Organisationsentwicklung bei den Oberland Werkstätten. Sie hat durch den wechselseitigen Erfahrungsaustausch eher die Stärke ihrer eigenen Unternehmenskultur reflektiert. "Mein Platz ist in einer Non-Profit-Organisation", fasst sie zusammen, "wir sind den Wirtschaftsunternehmen in Bezug auf soziale Kompetenz einfach einen Schritt voraus." Was sich Industriebetriebe an Sozialkapital erst mühsam erarbeiten müssen, ist bei vielen sozialen Einrichtungen an der Tagesordnung. Martina Kennel will jetzt noch einen Schritt weitergehen und überlegen, wie man dieses Know-how besser einsetzen und vermarkten kann.

Die Wissensgrundlagen erweitern um auf veränderte Ausgangsbedingungen reagieren zu können, ist Ziel und Zweck des Projektes "Wissenskooperationen". Die Firmenmanager profitieren bei ihren Hospitationen von der Kernkompetenz soziale Einrichtungen: die professionelle Gestaltung kooperativer und gruppendynamischer Prozesse. Wissen über soziale Beziehungen, Teamfähigkeit und Aufbau sozialer Netzwerke ist für Unternehmen künftig unerlässlich. Denn anders sind sie den "gestiegenen Flexibilitäts-, Qualitäts- und Innovationsanforderungen turbulenter Märkte nicht Egon Endres gewachsen" (Endres). Soziale Einrichtungen können andererseits den Erfahrungsschatz eines Wirtschaftsunternehmens abrufen: die effiziente Gestaltung von Produktionsprozessen, Kostenmanagement, Organisationsentwicklung und Marketing. Die Nutzung von betriebswirtschaftlich-organisatorischem Know-how ist mittlerweile für soziale Organisationen unumgänglich, um ihre Tätigkeit zu professionalisieren und in Zeiten knapper Kassen neue Finanzierungsmodelle zu entwickeln Der Blick über den Tellerrand hat demnach unbestreitbare Vorteile. Die Teilnehmer am Projekt "Wissens- kooperationen" können Strategien, Konzepte und Instrumente zu einem für sie interessanten Themenfeld kennenlernen und deren praktische Umsetzung vor Ort erleben. Voraussetzung ist gegenseitiges Vertrauen und behutsamer Umgang miteinander, da sensible Bereiche offen gelegt werden. "Die Ängste, dass einmal geöffnete Türen missbraucht werden, gehören zu den bedeutsamsten Hemmnissen der Kooperationen", gibt Projektleiterin Waibel-Fischer zu. Das neu erworbene Know-how kann in die eigenen betrieblichen Abläufe übertragen und dort genutzt werden. Während der gegenseitigen Besuche erhalten die Teilnehmer Feedback vom jeweiligen Partner. Dadurch schärft sich die Sicht für die eigene Organisationskultur. Der "Blick von außen" lässt auch eigene Stärken bewusst werden, um diese möglichst effektiv nutzen zu können.

Durch die Konfrontation mit einer fremden Praxis entstehen neue, kreative Ideen. Das gilt vor allem für Querschnittsthemen wie Qualitätsmanagement, Change Management und Geschäftsprozessoptimierung. Die Kooperation zwischen sozialen Einrichtungen und Wirtschaftsunternehmen leistet einen Beitrag, gegenseitige Barrieren, Berührungsängste und Vorurteile abzubauen. Damit die wechselseitigen Hospitationen von zwei bis fünf Tagen Dauer auch von Erfolg gekrönt werden, hat Projektleiterin Waibel-Fischer die Part genau ausgesucht und den Ablauf exakt geplant und strukturiert. In einem ersten Arbeitsschritt definieren die Teilnehmer ihren Wissensbedarf und finden heraus, welches Wissen ihnen im Gegenzug angeboten werden kann. "Ich wollte sehen, wie eine Abteilung in der Industrie gemanagt wird". formuliert Pater Claudius Amann vom Aktionszentrum Benediktbeuren seine Neugier auf die Burgmann-Werke. Das war für ihn deshalb wichtig, weil er die Leitung der Jugendbildungsstätte erst kürzlich übernommen hatte und dringliche Umstrukturierungsmaßnahmen vornehmen sollte. Sein Partner, Ausbildungsmeister Franz Steigenberger, wollte unkonventionelle Methoden für den Umgang mit Jugendlichen kennenlernen. Ihn interessierten vor allem Methoden für das gegenseitige Kennenlernen und Aufwärmen sowie zur Aufrechterhaltung und Steigerung der Motivation über einen längeren Zeitraum hinweg. Damit die Neulinge die Aktivitäten ihres Gastgebers nicht nur beobachten, sondern auch gezielt daran beteiligt werden, müssen sie kleine Aufgaben übernehmen. Pater Amann, der Jugendgruppen und Schulklassen ins Salesianerkloster Benediktbeuren einlädt und mit ihnen beispielsweise gewaltfreie Konfliktlösung und Teamtraining einübt, hat seine Erfahrungen gleich bei Burgmann eingebracht. Im Sozialkundeunterricht, beim Gruppentraining und bei der Mitbetreuung von Arbeitsproben kümmerte er sich um die Lehrlinge der Firma. Ausbildungsleiter Steigenberger war von den Methoden Pater Amanns "total fasziniert". Der Eindruck hat sich bei seiner Hospitation im Kloster Benediktbeuren noch vertieft. Der Manager beobachtete als Trainer und Teilnehmer die Gruppenarbeit mit Schulklassen und ließ sich für eine Kennenlern- und Auflockerungsübung sogar selbst die Augen verbinden. Fazit: Steigenberger macht mittlerweile bei Burgmann die Übernahme von Azubis nicht nur von der Prüfungsnote abhängig, sondern bewertet zusätzlich auch ihr kooperatives Verhalten im Hinblick auf ihre betriebliche Integrationsfähigkeit. "Neulinge bewirken durch ihr Handeln häufiger Abweichungen vom ,Normalen'. Dadurch wird es für den Gastgeber leichter, überkommene Strukturen zu erkennen", bestätigt Projektinitiator Endres.

Eine andere Art, Fragen zu stellen oder Probleme zu bewältigen, führt dazu, den gewohnten Standpunkt zu verlassen und Dinge, Menschen oder sich selbst plötzlich aus einer anderen Perspektive zu betrachten. "Das ist innovatives Lernen", ergänzt Arbeitspsychologin Waibel-Fischer. Burgmann-Manager Steigenberger hat bei Pater Amann ebenfalls Frau Waibel-Fischer eine Reihe von selbstkritischen Reflexionen ausgelöst. Der Leiter der Jugendbildungsstätte in Benediktbeuren hat wertvolle Impulse für die Einführung des Instrumentes der Zielvereinbarungen erhalten und will sein Führungsverhalten überdenken, seine Managementaufgabe klarer definieren, den Informationsfluss und die AußendarsteIlung des Aktionszentrums verbessern. Das Projektteam begleitete die Zusammenarbeit zwischen Non-Profit und Profit-Organisationen durch Supervision und Auswertungsgespräche. Für die beiden Forscher hat sich das Pilotprojekt gelohnt, "die Resonanz war unglaublich positiv", so Mira Waibel-Fischer. Sie begrüßt es besonders, wenn die Teilnehmer der "Wissenskooperationen" auch weiterhin in Kontakt bleiben, damit die neuen Erfahrungen nicht im Alltag versanden. Bei Franz Steigenberger und Pater Amann hat das geklappt. "Wir sind miteinander ins Geschäft gekommen", bestätigt der Ausbildungsleiter der Burgmann Dichtungswerke. Er fährt jetzt einmal pro Jahr mit seinen Lehrlingen zum Teamtraining bei Pater Amann nach Benediktbeuren. Das fördert den Zusammenhalt seiner Azubi-Truppe, das Verhältnis zum Ausbildungsleiter und die Fähigkeit, Konflikte friedlich zu lösen, hat Steigenberger erkannt.

Wissensaustausch mit sozialen Einrichtungen ebenfalls positiv gegenüber. An mehreren Tagen dieses Jahres wird Prof. Elmar F. Baur, Geschäftsführer des mittelständischen Unternehmens in Wolfratshausen, die Seite wechseln und Martin Zeller, Geschäftsführer der Oberland Werkstätten gemeinnützige GmbH besuchen - und umgekehrt. Zeller möchte etwas über strategische Planung in einem Industriebetrieb erfahren und Baur will die Strukturen eines Zuliefererbetriebs genauer kennen lernen, der behinderte Menschen beschäftigt. Denn die Oberland Werkstätten liefern Teile von Federdichtungen an die Burgmann-Werke.

 

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