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Blick von außen
von Harriet Austen
Wissenskooperation. Ein Austausch
zwischen Führungskräften aus Wirtschaftsunternehmen
und sozialen Einrichtungen ermöglicht ungewöhnliche
Erfahrungen und innovative Problemlösungen
Ich bin ein konfrontativer
Mensch", sagt Horst Girmann. Das neue Umfeld, das er kennen
lernen wollte sollte sich deshalb "möglichst extrem"
von dem unterscheiden, in das er täglich zur Arbeit geht.
Girmann ist Leiter eines Wohnheims für Menschen mit Behinderungen
der Lebenshilfe Bad Tölz e.V. Als "extreme" andere
Welt, in die er hinein schnuppern wollte, hat er sich die HypoVereinsbank
München ausgesucht. Dort verbrachte er zehn Tage in der Personalabteilung
von Dr. Robert Holzapfel. Er hat bei einem Assessment-Center zugeschaut,
interne Veranstaltungen besucht, den Intranet-Auftritt studiert,
die Sozialberatung kennen gelernt und ganz einfach den betrieblichen
Alltag beobachtet. Auch Holzapfel will jetzt Girmann bei dessen
Tätigkeit in der Lebenshilfe über die Schulter schauen.
"Eine spannende Idee" finden beide diese gegenseitigen
Hospitationen, "Wissenskooperationen" nennen sie die
Initiatoren Professor Egon Endres und Dr. Mira Waibel-Fischer
von der Katholischen Stiftungsfachhochschule München, Abteilung
Benediktbeuren. So heißt auch ihr vom Bundesministerium
für Bildung und Forschung finanziertes Projekt, mit dem sie
Führungskräfte von Wirtschaftsunternehmen und sozialen
Einrichtungen motivieren, sich auszutauschen und voneinander zu
lernen. Dabei wollen sie sich ganz bewusst von Projekten unterscheiden,
die zwar 'Mitarbeiter von Firmen in soziale Einrichtungen schicken,
Gegenbesuche jedoch nicht vorsehen. "Ein einseitiger Wissenstransfer
läuft Gefahr, als organisiertes soziales Abenteuer abgestempelt
zu werden", kritisiert Endres diese "Transfer-Einbahnstraßen".
Mut, sich in dem Modellprojekt "Wissenskooperationen"
auf Fremdes einzulassen, zeigen nicht nur Manager der HypoVereinsbank
und der Lebenshilfe, sondern auch der Burgmann Dichtungswerke
GmbH, die mit den Oberland Werkstätten GmbH und dem Jugendaktionszentrum
Benediktbeuren kooperieren sowie der Siemens AG und der Regens-Wagner-Stiftungen
in Dillingen.
Hinter diesen Begegnungen,
im Fachjargon Hospitationen genannt, steckt ein überzeugendes
Konzept. "Die verschiedenen Organisationen einer Gesellschaft
verfügen über unterschiedliche Wissens bestände,
die sich teilweise ergänzen", erklärt Waibel-Fischer,
"ein Transfer dieses Wissens kann durchaus gewinnbringend
sein". Dabei handelt es sich nicht um abstrakte Kenntnisse,
sondern um im Alltag erprobtes Know-how, das von den Hospitierenden
bedarfs- und lösungsorientiert erschlossen werden kann. Wer
sich in fachfremden Einrichtungen informiert, wie dort Abläufe
und Prozesse gestaltet werden, erhält wertvolle Anregungen
für eigene neue Problemlösungen. Zum Beispiel Friedhelm
Jochums, Personalentwickler bei Burgmann in Wolfratshausen: Ihn
hat während seines Aufenthalts in der Abteilung Personal-
und Organisationsentwicklung bei den Oberland Werkstätten
"die sehr gute und konsequente Umsetzung von Gruppenarbeit
beeindruckt. Burgmann könnte viel davon lernen!" Das
bezieht sich vor allem auf das Instrument der Supervision, auf
die ausgeprägte Konsensorientierung bei Personalentscheidungen
und auf die konsequente Umsetzung der Idee der Partizipation und
Teamarbeit. Anders seine Hospitationspartnerin Martina Kennel,
zuständig für Personal- und Organisationsentwicklung
bei den Oberland Werkstätten. Sie hat durch den wechselseitigen
Erfahrungsaustausch eher die Stärke ihrer eigenen Unternehmenskultur
reflektiert. "Mein Platz ist in einer Non-Profit-Organisation",
fasst sie zusammen, "wir sind den Wirtschaftsunternehmen
in Bezug auf soziale Kompetenz einfach einen Schritt voraus."
Was sich Industriebetriebe an Sozialkapital erst mühsam erarbeiten
müssen, ist bei vielen sozialen Einrichtungen an der Tagesordnung.
Martina Kennel will jetzt noch einen Schritt weitergehen und überlegen,
wie man dieses Know-how besser einsetzen und vermarkten kann.
Die Wissensgrundlagen erweitern
um auf veränderte Ausgangsbedingungen reagieren zu können,
ist Ziel und Zweck des Projektes "Wissenskooperationen".
Die Firmenmanager profitieren bei ihren Hospitationen von der
Kernkompetenz soziale Einrichtungen: die professionelle Gestaltung
kooperativer und gruppendynamischer Prozesse. Wissen über
soziale Beziehungen, Teamfähigkeit und Aufbau sozialer Netzwerke
ist für Unternehmen künftig unerlässlich. Denn
anders sind sie den "gestiegenen Flexibilitäts-, Qualitäts-
und Innovationsanforderungen turbulenter Märkte nicht Egon
Endres gewachsen" (Endres). Soziale Einrichtungen können
andererseits den Erfahrungsschatz eines Wirtschaftsunternehmens
abrufen: die effiziente Gestaltung von Produktionsprozessen, Kostenmanagement,
Organisationsentwicklung und Marketing. Die Nutzung von betriebswirtschaftlich-organisatorischem
Know-how ist mittlerweile für soziale Organisationen unumgänglich,
um ihre Tätigkeit zu professionalisieren und in Zeiten knapper
Kassen neue Finanzierungsmodelle zu entwickeln Der Blick über
den Tellerrand hat demnach unbestreitbare Vorteile. Die Teilnehmer
am Projekt "Wissens- kooperationen" können Strategien,
Konzepte und Instrumente zu einem für sie interessanten Themenfeld
kennenlernen und deren praktische Umsetzung vor Ort erleben. Voraussetzung
ist gegenseitiges Vertrauen und behutsamer Umgang miteinander,
da sensible Bereiche offen gelegt werden. "Die Ängste,
dass einmal geöffnete Türen missbraucht werden, gehören
zu den bedeutsamsten Hemmnissen der Kooperationen", gibt
Projektleiterin Waibel-Fischer zu. Das neu erworbene Know-how
kann in die eigenen betrieblichen Abläufe übertragen
und dort genutzt werden. Während der gegenseitigen Besuche
erhalten die Teilnehmer Feedback vom jeweiligen Partner. Dadurch
schärft sich die Sicht für die eigene Organisationskultur.
Der "Blick von außen" lässt auch eigene Stärken
bewusst werden, um diese möglichst effektiv nutzen zu können.
Durch die Konfrontation mit
einer fremden Praxis entstehen neue, kreative Ideen. Das gilt
vor allem für Querschnittsthemen wie Qualitätsmanagement,
Change Management und Geschäftsprozessoptimierung. Die Kooperation
zwischen sozialen Einrichtungen und Wirtschaftsunternehmen leistet
einen Beitrag, gegenseitige Barrieren, Berührungsängste
und Vorurteile abzubauen. Damit die wechselseitigen Hospitationen
von zwei bis fünf Tagen Dauer auch von Erfolg gekrönt
werden, hat Projektleiterin Waibel-Fischer die Part genau ausgesucht
und den Ablauf exakt geplant und strukturiert. In einem ersten
Arbeitsschritt definieren die Teilnehmer ihren Wissensbedarf und
finden heraus, welches Wissen ihnen im Gegenzug angeboten werden
kann. "Ich wollte sehen, wie eine Abteilung in der Industrie
gemanagt wird". formuliert Pater Claudius Amann vom Aktionszentrum
Benediktbeuren seine Neugier auf die Burgmann-Werke. Das war für
ihn deshalb wichtig, weil er die Leitung der Jugendbildungsstätte
erst kürzlich übernommen hatte und dringliche Umstrukturierungsmaßnahmen
vornehmen sollte. Sein Partner, Ausbildungsmeister Franz Steigenberger,
wollte unkonventionelle Methoden für den Umgang mit Jugendlichen
kennenlernen. Ihn interessierten vor allem Methoden für das
gegenseitige Kennenlernen und Aufwärmen sowie zur Aufrechterhaltung
und Steigerung der Motivation über einen längeren Zeitraum
hinweg. Damit die Neulinge die Aktivitäten ihres Gastgebers
nicht nur beobachten, sondern auch gezielt daran beteiligt werden,
müssen sie kleine Aufgaben übernehmen. Pater Amann,
der Jugendgruppen und Schulklassen ins Salesianerkloster Benediktbeuren
einlädt und mit ihnen beispielsweise gewaltfreie Konfliktlösung
und Teamtraining einübt, hat seine Erfahrungen gleich bei
Burgmann eingebracht. Im Sozialkundeunterricht, beim Gruppentraining
und bei der Mitbetreuung von Arbeitsproben kümmerte er sich
um die Lehrlinge der Firma. Ausbildungsleiter Steigenberger war
von den Methoden Pater Amanns "total fasziniert". Der
Eindruck hat sich bei seiner Hospitation im Kloster Benediktbeuren
noch vertieft. Der Manager beobachtete als Trainer und Teilnehmer
die Gruppenarbeit mit Schulklassen und ließ sich für
eine Kennenlern- und Auflockerungsübung sogar selbst die
Augen verbinden. Fazit: Steigenberger macht mittlerweile bei Burgmann
die Übernahme von Azubis nicht nur von der Prüfungsnote
abhängig, sondern bewertet zusätzlich auch ihr kooperatives
Verhalten im Hinblick auf ihre betriebliche Integrationsfähigkeit.
"Neulinge bewirken durch ihr Handeln häufiger Abweichungen
vom ,Normalen'. Dadurch wird es für den Gastgeber leichter,
überkommene Strukturen zu erkennen", bestätigt
Projektinitiator Endres.
Eine andere Art, Fragen zu
stellen oder Probleme zu bewältigen, führt dazu, den
gewohnten Standpunkt zu verlassen und Dinge, Menschen oder sich
selbst plötzlich aus einer anderen Perspektive zu betrachten.
"Das ist innovatives Lernen", ergänzt Arbeitspsychologin
Waibel-Fischer. Burgmann-Manager Steigenberger hat bei Pater Amann
ebenfalls Frau Waibel-Fischer eine Reihe von selbstkritischen
Reflexionen ausgelöst. Der Leiter der Jugendbildungsstätte
in Benediktbeuren hat wertvolle Impulse für die Einführung
des Instrumentes der Zielvereinbarungen erhalten und will sein
Führungsverhalten überdenken, seine Managementaufgabe
klarer definieren, den Informationsfluss und die AußendarsteIlung
des Aktionszentrums verbessern. Das Projektteam begleitete die
Zusammenarbeit zwischen Non-Profit und Profit-Organisationen durch
Supervision und Auswertungsgespräche. Für die beiden
Forscher hat sich das Pilotprojekt gelohnt, "die Resonanz
war unglaublich positiv", so Mira Waibel-Fischer. Sie begrüßt
es besonders, wenn die Teilnehmer der "Wissenskooperationen"
auch weiterhin in Kontakt bleiben, damit die neuen Erfahrungen
nicht im Alltag versanden. Bei Franz Steigenberger und Pater Amann
hat das geklappt. "Wir sind miteinander ins Geschäft
gekommen", bestätigt der Ausbildungsleiter der Burgmann
Dichtungswerke. Er fährt jetzt einmal pro Jahr mit seinen
Lehrlingen zum Teamtraining bei Pater Amann nach Benediktbeuren.
Das fördert den Zusammenhalt seiner Azubi-Truppe, das Verhältnis
zum Ausbildungsleiter und die Fähigkeit, Konflikte friedlich
zu lösen, hat Steigenberger erkannt.
Wissensaustausch mit
sozialen Einrichtungen ebenfalls positiv gegenüber. An mehreren
Tagen dieses Jahres wird Prof. Elmar F. Baur, Geschäftsführer
des mittelständischen Unternehmens in Wolfratshausen, die
Seite wechseln und Martin Zeller, Geschäftsführer der
Oberland Werkstätten gemeinnützige GmbH besuchen - und
umgekehrt. Zeller möchte etwas über strategische Planung
in einem Industriebetrieb erfahren und Baur will die Strukturen
eines Zuliefererbetriebs genauer kennen lernen, der behinderte
Menschen beschäftigt. Denn die Oberland Werkstätten
liefern Teile von Federdichtungen an die Burgmann-Werke.
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